Dr. Ulrike Winter ist wissen-schaftliche
Mitarbeiterin und schreibt über Wirkungen
und Einsatz von Schwefel in der Dermatologie.
Wirkungen und Einsatz von Schwefel in der Dermatologie
Der Gebrauch von Schwefelverbindungen in der Dermatologie und Rheumatologie ist seit Jahrhunderten bekannt, in den letzten Jahrzehnten jedoch etwas in Vergessenheit geraten. Dieses faszinierende chemische Element bietet natürlich auch aktuell und insbesondere in der Form von Bäderanwendungen (Wannen- und Sprühbäder) bevorzugt im dermatologischen Bereich zahlreiche Verwendungsoptionen. Hierbei ist die positive Wirkung auf die Psoriasis vulgaris besonders hervorzuheben, deren Grundlagen in diesem Artikel dargelegt werden sollen.
Anorganischer Schwefel kann in einer Vielzahl chemischer Zustände - als elementarer sowie als Sulfid- und Sulfatschwefel - vorliegen. Die Hauptwirkung der schwefelhaltigen Bäder - auch Sulfidbäder genannt - ist auf deren Gehalt an Schwefelwasserstoff (Sulfidschwefel) zurückzuführen, welcher verletzte oder erkrankte Haut deutlich besser durchdringt als gesunde.
Die Haut besitzt nun die Fähigkeit zur Oxidation der Schwefelverbindungen. Diese chemischen Reaktionen werden unter anderem für die immunologischen Effekte des Schwefels, einschließlich der entzündungshemmenden Eigenschaften, und für den von ihm bewirkten Zellschutz verantwortlich gemacht. Zellschädigende freie Sauerstoff-Radikale werden parallel durch chemische Reduktion entgiftet und können den Zellen so nicht mehr schaden. Nach dem Baden in Sulfidwasser erfolgt also die rasche Oxidationskette in der Haut.
Untersucht man das Eindringen von radioaktiv markiertem Sulfidschwefel (S-35)
in die Haut bei gesunden und hautkranken Menschen zeigt sich, dass dieser 100mal
schneller als Sauerstoff die Zellmembranen durchdringt und S-35 sich nach 8
Stunden in allen Schichten der Oberhaut verteilt hat. Dabei kann der Schwefel
sowohl außerhalb der Zellen (bei normaler Haut und chronischen Ekzemen), als
auch innerhalb (bei seborrhoischem Ekzem und Psoriasis) angetroffen werden.
Gerade die Anreicherung von Schwefelwasserstoff in den Zellen der mittleren und
unteren Schicht der Oberhaut begründet die Wirksamkeit der Schwefeltherapie bei
der Psoriasis. Die roten und schuppenden Plaques des Krankheitsbildes entstehen
durch eine chronische Entzündung und hohe Zellteilungsaktivität im Bereich der
basalen Zellregionen, welche auf der Basis der uns vorliegenden
Studienergebnisse als Hauptangriffspunkt der Schwefelwirkung in der Haut
bezeichnet werden können.
Schwefelbäder bewirken somit eine Entzündungshemmung sowie
Zellteilungsregulation. Die bei der Psoriasis anzutreffende Überproduktion von
Hautzellen wird reduziert.
Schwefelbäder besitzen zudem eine abschuppende (Keratolyse) und lichtsensibilisierende Potenz. Unter gleichzeitiger Bestrahlung mit Schmalspektrum-UVB-Licht (SUP) konnte nach Schwefelbädern ein Abklingen der psoriatischen Hautveränderungen bei 82% der Patienten nach einem Behandlungsintervall von 4 Wochen beobachtet werden. Des Weiteren wirken sie juckreiz- und schmerzlindernd, durchblutungsfördernd sowie abtötend auf Mikro¬organismen - insbesondere auf Bakterien und können somit Infektionen der Haut positiv be¬einflussen.
In diversen Untersuchungen auf Zellebene konnte eine Hemmung von ortsständigen Immunzellen der Haut (Langerhans-Zellen) nachgewiesen werden, deren Aktivität unter anderem für die Entstehung und den Erhalt der bei der Psoriasis zugrundeliegenden Entzündung verantwortlich gemacht wird. Dabei wird auch der Kontaktmechanismus dieser Zellen zu weiteren Abwehrzellen - den Lymphozyten, einer Untergruppe der weißen Blutzellen - gestört und damit ein Fortschreiten der entzündlichen Prozesse verhindert. Die gleichzeitig erhobenen klinischen Befunde und die Ergebnisse von Blutuntersuchungen zeigen eine stabile Immunitätslage und geben keine Hinweise auf eine resultierende systemische Abwehrschwäche.
Schwefel ist - zum Teil essentiell - am Aufbau der Zellmembranen, der Bildung zahlreicher körpereigener Stoffe und an diversen biochemischen Vorgängen im menschlichen Organismus beteiligt. Als Beispiele sind schwefelhaltige Aminosäuren (Methionin und Cystein), die zum Aufbau von Eiweißstrukturen notwendig sind und Grundsubstanzen des Bindegewebes (Glykoproteine wie Chondroitin, Dermatan und Heparan) anzuführen. Schwefelgruppen - so genannte Thiolgruppen - in der unteren Zellschicht der Haut werden in der Hornschicht chemisch oxidiert und tragen zu deren Stabilisierung und zur Zellfestigkeit bei. Bei der Schuppenflechte sind auch in den oberen Schichten der Haut verbleibende Thiolgruppen nachweisbar, was die bestehende Verhornungsstörung - klinisch sichtbar als Schuppung - verdeutlicht.
Zusammenfassend sind für die Wirkung der Schwefelbäder mechanische (abschuppende), desinfizierende sowie nach Eindringen des Schwefels in die Haut entzündungshemmende, zellteilungsregulierende und antioxidative Effekte verantwortlich. Auf dieser Basis gilt auch heute „Vel mirabilis natura sulfuris - Ein großes Wunder ist die Schwefelwirkung.“ (Plinius).
Autorin: Dr. Ulrike Winter
CoAutor: Prof.
Dr. med. H.W. Kaiser
Deutschlands stärkste Jod-Schwefelquellen und ihre Anwendung für die Balneo-Phototherapie bei dermatologischen Indikationen.